Thomas Kierst – Körperspannung, Licht und Schatten
Kategorie: City Talk | Autor: manu | 01. November um 16:11 Uhr
Wie sich der Rottaler Fotokünstler in 30 Jahren zu einem der besten Aktfotografen Deutschlands entwickelt hat und über die Kunst, den menschlichen Körper perfekt in Szene zu setzen. Ein Portrait der erotischen Art.
Weihnachten naht, und mit dieser feierlichen Zeit naht auch der Wunsch nach dem ganz persönlichen Geschenk, das unter Paaren immer größere Beliebtheit erfährt: ein erotischer Bildband oder ein Aktkalender von sich für den Liebsten. Doch dieses vermeintlich leichte Motiv ist in Wirklichkeit eine ganz besondere Herausforderung, der nur sehr wenige Fotografen wirklich gewachsen sind. Einfach einen nackten Menschen abzuknipsen, das kann wohl fast jeder, der ein Fotostudio betreibt. Doch den Körper und den ganzen Menschen pointiert und mit dem gewissen Extra an ästhetischer Eleganz und trotzdem prickelnder Erotik in Szene zu setzen, dazu bedarf es eines echten Profis. Wer in Deutschland zu diesem Zweck dann auf die Suche nach einem ebensolchen Profi, nach einem der allerbesten Fotografen im ganz speziellen Segment der Akt- und Erotikfotografie geht, der ist unter Umständen geneigt, zunächst die gelben Seiten von Berlin, Hamburg oder München zu durchforsten. Tatsächlich jedoch sitzt er, der selbst unter Konkurrenten hoch respektierte Meister dieses Genres im beschaulichen Rotthalmünster, tief im Rottal: Thomas Kierst. Thomas Kierst fotografiert mittlerweile zu 90% nur in diesem speziellen Bereich, kaum ein anderer Fotograf verfügt über eine solche Erfahrung im Bereicht des Aktes und der Erotik. Wir möchten wissen, wo für ihn die Grenzen zwischen Akt, Erotik und dem Bereich darüber hinaus sind.
„Zunächst einmal ist Erotik ein völlig ungeeigneter Begriff für die Definition einer Motivklasse. Erotik ist nicht zwangsläufig Akt und ein Akt ist nicht zwangsläufig erotisch. Eine völlig bekleidete Frau kann allein durch ihren Blick und ihre subtile Körpersprache ein so umwerfend erotisches Foto abgeben, das durch keinerlei simple Darstellung von entblößten Körperstellen übertroffen werden kann. Gleiches gilt für Männer, natürlich.Andererseits kann selbst ein völlig freizügig posierendes Fotomodell durch eine stimmungstötende Komposition des Sets, eine den Körper unvorteilhaft in Szene setzende Einstellung von Licht und Schatten oder eine ausdruckslose Körperhaltung jegliche Erotik verlieren und ins Peinliche abgleiten. Erotik ist frei vom Begriff des Aktes. Rein begriffstechnisch ist das Aktfoto allerdings sehr klar definiert, der „Akt“ ist im Wesentlichen nackt, verzichtet aber auf die explizite Darstellung des Intimbereichs, der „freizügige Akt“ bezieht den Intimbereich in das Motiv mit ein. Das sind etablierte Fachbegriffe. Wie weit ich gehe? Ich selbst gehe gar nicht, ich begleite. Als Fotograf begleite ich den Kunden genau dorthin, wohin er selbst gerne gehen möchte – mal weiter, mal weniger weit.“
Thomas Kierst ist fast schon von Beginn seiner Selbständigkeit auf die Fotografie in diesem Fachgebiet spezialisiert, der Grund dafür ist ganz pragmatisch. Mit dem ersten Fotostudio machte er sichdamals in Pocking auf, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und stellte fest, dass das einzige wirklich lukrative Geschäft der Hochzeitsfotografie schon durch Konkurrenten bestens besetzt war. Mit Passbildern ließ sich kaum das Geld für die Studiomiete verdienen. Also schnappte sich Thomas Kierst ein paar Models und machte davon einige Aktfotos die seinem Sinn von der ästhetischen Darstellung des nackten Körpers möglichst nahe kommen sollten und dekorierte damit seine 20 Meter Schaufensterfront. „Was du als Fotograf hauptsächlich dekorierst, das wird dein Hauptgeschäft. Dekorierst du Kinderfotos, kommen die Eltern mit den Kindern, dekorierst du Hochzeiten, kommen die Brautpaare. Ein Schaufenster nur mit Aktfotos, das war damals neu und lief nicht ganz ohne Ärger ab – aber die Nachfrage war offensichtlich da. Viele kamen und wollten solche Fotos von sich machen lassen und haben sich bei anderen Fotografen einfach nicht getraut danach zu fragen, es ist ja auch für die Kundin nicht so ganz einfach, nach dieser Art von Fotos zu fragen, gewisse Hemmungen sind da einfach immer da, solange bis das Vertrauen da ist.“
Thomas Kierst erzählt uns eine Anekdote von einer Kundin, die zunächst in ihrer Heimatstadt einmal einen Fotografen nach Aktfotos fragte, worauf ihr dieser mitten im Laden eine Abfuhr erteilte, er mache „solchen Schweinkram“ nicht. Geprägt und beschämt von dieser völlig unangemessenen und unreifen Reaktion setzte die Kundin jahrelang keinen Fuß mehr in ein Fotostudio, bis sie schließlich nach Pocking umzog und die Schaufenster von Thomas Kierst sah. Dennoch brauchte sie zwei Anläufe, bei denen sie Passfotos machen ließ, die sie gar nicht brauchte – bis sie sich endlich traute, mit dem eigentlichen Grund für ihren Besuch herauszurücken. Wir wollen wissen, was einen guten Fotografen im Bereich der Erotik und des Aktes ausmacht und warum das nicht einfach jeder Fotograf einfach nachmachen kann.
„Einen Menschen, der sich nackt und erotisch in Szenesetzen möchte, zu fotografieren ist mit zusätzlichen Dingen verbunden, auf die man achten muss. Wenn ich einfach nur so sitze, mit meinem Pullover, dann gibt das ein ordentliches Foto. Nackt wäre das aber eine Zumutung (lacht) – bei mir sowieso! Aber ernsthaft: der Körper macht in jeder Position die er einnimmt gewisse Hautfalten, das sieht auf dem Bild einfach nicht gut aus. Hautfalten, Unreinheiten der Haut, Problemzonen, die Betonung von Formen und Kurven, das alles stellt erhebliche Anforderungen an das fotografische Auge, man muss alles im Blick haben. Dazu kommt ein durch die Erfahrung angereichertes Wissen um Posen die einfach eine gewisse Wirkung erzielen, ohne zuviel zu zeigen. Viele glauben, dass man durch das einfache Spreizen der Beine eine erotische Wirkung mit der Brechstange herbeiführen könnte, doch das ist Unfug. Man muss nichts sehen, man muss etwas ahnen – die Phantasie soll angeregt werden. Dazu kommt, dass Posen, die auf dem Foto stark und aufreizend wirken, in Wirklichkeit oft recht anstrengende und als unnatürlich empfundene „Verrenkungen“ sind – Körperspannung ist da das Zauberwort. Körpersannung ist etwas, das ein Bild stark wirken lässt. Erotik ist mehr als das „Zeigen“, erotische Fotos haben einen komplexeren Aufbau. Dazu verbirgt man das gewisse Etwas, nimmt aber eine verheißungsvolle Pose ein, an der sich die Phantasie des Betrachters entzündet, das ist die Kunst. Natürlich sollte man die Phantasie des Betrachters auch kennen, in der Regel sind die Fotos ja für eine ganz bestimmte Person gedacht, den Ehemann, den Freund, den Partner – da kommen dann ab und zu recht spannende Ergebnisse.“
Wir fragen nach der Entwicklung der Aktfotografie, nach Trends und Strömungen und nach den Herausforderungen, die dadurch an den Fotografen gestellt werden.
„Es hat sich in der Art der Fotografie, in der Technik eigentlich nicht soviel verändert. Was sich verändert hat, ist die Freizügigkeit in den von den Kunden gewünschten Fotoserien und auch die Klarheit in den Vorstellungen. Früher hat man sich für solche Fotos einfach in schöne Dessous geschmissen oder ganz ausgezogen, ein wenigauf der Studiocouch geräkelt und das war´s. Heute kommen die Kundinnen, auch Paare, mit sehr detaillierten Vorstellungen und Phantasien zum Fotografen und fragen nach der Umsetzbarkeit. Requisiten nehmen zu, wie Handschellen und dergleichen. Das war auch für mich ein Prozess, an den ich mich erst gewöhnen musste”.
Thomas Kierst ist um lustige Geschichten nicht verlegen. Er erzählt uns von einer Begebenheit, bei der die Kundin für Ihren Mann eine spezielle Art von Aufnahmen wünschte – sie hatte in diversen Badeurlauben festgestellt, dass der Mann besonders auf den Anblick von Sand auf der gebräunten Haut seiner Liebsten reagiert, er würde davon sofort „ganz wuschig“. Es müsste also mit Sand gearbeitet werden um die perfekten Bilder zu erhalten. Man stellte fest, dass der verfügbare Sand, einfacher Vogel- oder Aquariensand aus der Zoohandlung grau und unansehnlich auf den Fotos rüberkam, also hatte Thomas Kierst in seiner Verzweiflung die Idee, Semmelbrösel zu nehmen. Im Reformhaus war schnell eine Tüte besorgt, die Farbnuancen in den Semmelbröseln waren das perfekte Imitat von karibischem Muschelsand. Den Po mit Wasser eingesprüht und in den Semmelbröseln gewendet, sozusagen „paniert“ glaubte man die Lösung gefunden zu haben, erinnert sich Thomas Kierst „aber dann hat das Zeug angefangen aufzuquellen, mein Gott, das sah aus wie in Griesbrei gebadet. Es war eine Fertigpanade, die wir da gekauft haben, mit Ei und allem schon drinnen. Ein Baatz wurde das, unbeschreiblich. Wir haben uns fast kaputt gelacht.“ Man lernt aus jeder Erfahrung dazu, und sehr viele Inspirationen kommen einfach von den Kunden. Wie lange er wohl gebraucht hat, bis er den Bogen heraus hatte, jedes Mal das perfekt inszenierte Foto für die Kunden und Kundinnen zu erschaffen, wollen wir wissen.
„Bei der Fotografie in diesem doch sehr intimen und sensiblen Bereich ist Vertrauen sehr wichtig, und die Schaffung einer bestimmten Atmosphäre. Die Stimmung muss einerseits professionell, andererseits sensibel, persönlich und vertrauenserweckend sein. Ich bin in dem Moment reine Funktion – ich produziere das Bild. Wenn ich aber zu „technisch“ bin, fühlt sich das Modell vielleicht zu isoliert – das ist auch nicht gut. Es ist eine Gratwanderung, die aber mit den Jahren der Erfahrung recht gelassen zu bewältigen ist. Wichtig für einen Fotografen ist in solchen Aufgabenstellungen natürlich, dass er sein Handwerkszeug im Schlaf beherrscht, denn mit technischen Einstellungen an seinem Krempel darf er die Atmosphäre nicht kaputt machen. Man muss in einen „Fluss“ kommen, dazu muss man seine Ausrüstung aus dem FF kennen. Nur wenn das Gesamtpaket stimmt, entstehen wirklich tolle, einmalige Fotos, die ihre Wirkung bei den Kunden nicht verfehlen.“
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